In Rio lässt es sich auch gut arbeiten

Seit Januar 2005 ist café solo auch in Lateinamerika zu Hause: Markus Schütz, Produktverantwortlicher für café solo, war zwei Wochen lang bei der Firma Chemtech in Rio de Janeiro (Brasilien), um das Produkt einzuführen und einen Dokumentationsworkshop abzuhalten. Gleichzeitig kümmerte er sich auch um die Dokumentation für SiSchedX, die bei der Chemtech für Siemens I&S entwickelte Software zur Produktionsplanung in Raffinerien.

Alexandra de Pinho Silveira, bei der Chemtech zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, hat ihn am Ende der Reise nach seinen Erfahrungen befragt.

Frage:

Was war der Grund für Ihren ersten Aufenthalt in Brasilien?

Antwort:

Ich kannte den Entwicklungsleiter von SiSchedX durch ein anderes Softwareprojekt bei Siemens vor einigen Jahren. Als er nach einem Autor für die SiSchedX-Anwenderdokumentation suchte, hat er mich gefragt, ob ich diese Aufgabe übernehmen möchte. Ich wollte schon immer mal nach Rio, deshalb habe ich die Gelegenheit sofort ergriffen.

Frage:

Mit welchen Erwartungen sind Sie hierher gekommen?

Antwort:

Als ich zum ersten Mal nach Brasilien kam, wusste ich gar nichts über die brasilianische Software-Branche, nicht einmal dass es sie überhaupt gibt. Ich hatte gehört, dass Volkswagen seit mehr als 30 Jahren Autos in Brasilien produziert und dass es einige Firmen im Bereich Luftfahrt gibt, beispielsweise Embraer. Mehr war mir nicht bekannt. Doch das hat sich komplett gewandelt, seit meinem ersten Aufenthalt ist Brasilien in punkto Industrie kein weißer Fleck mehr auf der Landkarte!

Frage:

Wodurch hat sich Ihr Eindruck geändert?

Antwort:

Zunächst einmal habe ich einige wirklich fähige Leute im Entwicklungsteam von SiSchedX kennengelernt. Für sich genommen können sie es mit jedem Entwickler in Europa oder den USA aufnehmen, aber als Team waren sie völlig außergewöhnlich. Ich denke, ein Grund dafür ist die wesentlich bessere Kommunikation zwischen den Mitgliedern des Entwicklungsteams. In Deutschland besteht oft die Tendenz, dass sich Entwickler komplett auf Ihre Zuständigkeit beschränken. Bei der Chemtech war das ganz anders: Natürlich ist immer jemand zuständig für das Datenbankschema oder für einen bestimmten Code-Bereich. Ich habe aber schnell festgestellt, dass jeder mehr als eine Sichtweise auf die Software hat, wodurch der einzelne Entwickler die Belange des gesamten Teams besser versteht. Unter dem Strich passen die einzelnen Teile der Software viel besser zusammen, und darin besteht der Unterschied.

Meiner Meinung nach hat der Teamleiter ganz hervorragende Arbeit bei der Auswahl der Mitarbeiter geleistet. Wenn ich ein wirklich gut eingespieltes Team bräuchte, wüsste ich sofort wo ich hingehen muss! Und im Gegensatz zu Deutschland, wo es auf privaten Treffen oft ein wenig gezwungen zugeht, hat man mit dem Team auch jede Menge Spaß nach der Arbeit!

Frage:

Welchen Eindruck hatten Sie von SiSchedX, nachdem Sie die Dokumentation erstellt hatten?

Antwort:

Die Benutzerfreundlichkeit zählt sicher zu den großen Stärken. Da haben welche Ihren Jakob Nielsen wirklich studiert! Wir haben uns über das Konzept hinter der Benutzeroberfläche unterhalten und die Vorteile leuchteten mir sofort ein. SiSchedX ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie konsistent eine Benutzeroberfläche heutzutage sein kann, sogar bei einer Anwendung im industriellen Umfeld. Dadurch war es für mich auch sehr leicht, das Benutzerhandbuch so verständlich wie möglich zu schreiben. Es handelt sich hier ja um eine Software, mit der eine Raffinerie simuliert werden soll, und nach einiger Zeit kann man schon virtuos mit den einzelnen Parametern spielen und unterschiedliche Ergebnisse der Simulation miteinander vergleichen. Nach und nach wird die Software so leicht bedienbar wie ein Computerspiel, kann aber gleichzeitig alle technischen Anforderungen erfüllen.

Die Software-Architektur ist voll auf der Höhe der Zeit. Es wurde eine echte Dreischicht-Architektur gewählt, mit einem Frontend, einem Applikations- und einem Datenbankserver. Dieser Ansatz verschafft ein Höchstmaß an Flexibilität und sorgt dafür, dass der Code leicht zu warten ist. Eine solche Architektur ist äußerst beständig.

Ich kann mir vorstellen, dass es auch etwas Mut erfordert hat, vollständig auf diese Technologie zu setzen, als die Entwicklung von SiSchedX begann. Sowohl .Net wie auch C# waren damals ziemlich neu und niemand konnte schon nennenswerte Erfahrung damit aufweisen. Aus heutiger Sicht war die Entscheidung richtig. Heutzutage kann man kaum auf etwas anderes als C#.Net oder J2EE setzen, wenn es um Software-Projekte im Unternehmensmaßstab geht.

Wissen Sie, wenn man eine Software beschreibt, schaut man ja auch immer hinter die Kulissen. Man sieht die auftretenden Probleme und wie sie gelöst werden - oder eben nicht! SiSchedX zählt sicher mit zum Besten, was ich in den letzten Jahren an Software gesehen habe.

Frage:

Diesmal waren Sie aber nicht nur wegen SiSchedX bei der Chemtech?

Antwort:

Das stimmt, ich habe außerdem noch einen Kurs über technische Dokumentation abgehalten. In Brasilien hat die technische Dokumentation noch nicht den Stellenwert wie in Europa oder den USA. In Deutschland haben wir beispielsweise seit mehr als 25 Jahren einen Berufsverband, die tekom. Die technische Kommunikation ist zu einem Berufsfeld geworden, das ebenso spezialisiert ist wie die Software-Entwicklung. Als ich im letzten Jahr erstmals bei der Chemtech war, habe ich mit einem der Manager über dieses Thema gesprochen, und wir entschlossen uns, einen Kurs zu organisieren, der dieses Jahr im Januar stattgefunden hat. Wir hatten 16 Teilnehmer im Kurs, die in allgemeinen Belangen der Dokumentation sowie in XML-Publishing unterrichtet wurden. Außerdem wurden sie an unserem Redaktionssystem café solo professional geschult, das mittlerweile in der Chemtech für die Software-Dokumentation verwendet wird.

Rückblickend freue ich mich sehr darüber, einige wirklich talentierte technische Redakteure gefunden zu haben. Angesichts des Wirtschaftswachstums von Brasilien wird es in naher Zukunft einen hohen Bedarf nach Personen geben, die diesem Anforderungsprofil erfüllen, und ich würde mich sehr freuen, wenn einige der Kursteilnehmer zu Vollzeit-Redakteuren werden würden. Möglicherweise werden sie sogar zum Kern für den gesamten Berufsstand in Brasilien. Das Potenzial für eine große Zukunft ist zweifellos vorhanden.

Als ich den Kurs gehalten habe, konnte ich einen großen Unterschied zwischen Deutschland und Brasilien in der Anzahl der Frauen feststellen, die als Ingenieure arbeiten. In Deutschland werden Frauen immer noch lieber Lehrerinnen oder Ärztinnen. Der Frauenanteil in einem Ingenieurslehrgang in Deutschland geht oft gegen Null, was sehr schade ist. Ich denke, ein Grund für die gute Kommunikation liegt gerade darin, dass es keine reine Männerveranstaltung ist.

Frage:

War die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern hier einfach für Sie?

Antwort:

Auf jeden Fall! Grundsätzlich ist die Motivation sehr hoch. Vor Ort stellt man nach einer Weile fest, ob Mitarbeiter ihre Tätigkeit eigentlich gar nicht gerne machen, oder sie meckern über ihren Chef oder ihre Kollegen. Aber ich habe nichts dergleichen festgestellt. Die Tatsache, dass die Chemtech in die Liste der 150 besten Unternehmen in Brasilien gewählt wurde, spricht für sich. Die Arbeitsatmosphäre ist extrem gut, und nach einer Zeit kennt man hier praktisch jeden. Manchmal kommt einem diese Firma mehr wie eine Familie vor. Als ich diesmal abgereist bin, habe ich mehr als drei Stunden gebraucht, um mich von allen zu verabschieden!

Frage:

Haben Sie noch irgendeinen Rat für Geschäftsreisende nach Rio?

Antwort:

Ja, Ich würde gerne noch was zur Kleiderordnung sagen, zumindest was Männer betrifft: Im Büro sollte man am besten ein einfarbiges Hemd tragen. Rote oder gemusterte Hemden sollte man vermeiden, sonst sorgt man für einiges Gelächter, aus Gründen, die man anfänglich nicht begreift, die aber für jeden Einheimischen auf der Hand liegen... (lacht)

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Zuletzt geändert am 8. August 2005

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